Über dreissig Tage auf der Grande Brasile

13.10. – 15.11.18

Mit einem Frachter über den Atlantik

Nachdem wir in Antwerpen im riesigen Frachthafen das richtige Pier gefunden hatten und uns brav bei der Polizei abgemeldet hatten, konnten wir ganz einfach bis zur Grande Brasile fahren. Ein dritter Offizier nahm uns in Empfang und zeigte uns unsere Kabine. Die Pässe und die Bestätigung der Gelbfieberimpfung mussten wir dem Kapitän abgeben. Später konnten wir auf Anweisung des zweiten Offiziers unseren Globi auf dem Hauptdeck selbst parken und kontrollieren, ob er richtig festgemacht wurde.

Aus drei Gründen haben wir uns dazu entschlossen mit unserem Globi im Frachter über den Atlantik zu fahren. Erstens weil wir das Treiben auf einem Frachter erleben wollten. Zweitens weil wir unseren Globi sichern und bewachen wollten. Wir haben diesbezüglich viele unangenehme Geschichten gehört. Drittens weil die Zollabfertigung bei der Ankunft sehr viel einfacher und schneller geht, da das Fahrzeug zolltechnisch unser Handgepäck ist.

Bis Hamburg waren wir die einzigen Passagiere. In Hamburg kamen dann noch einmal sieben Passagiere dazu. Bis auf einen sind alle mit ihrem Fahrzeug zugestiegen. Mit den Passagieren hatten wir Glück. Wir waren eine zufällig zusammengewürfelte Mannschaft mit verschiedenen Herkünften und Interessen, aber wir hatten es auch in schwierigen Situationen immer einigermassen gut untereinander und es gab nie Streit.

Beschäftigung an Bord

Ein Frachter ist kein Passagierschiff und es wird nichts geboten, um die Passagiere zu unterhalten, das wurde uns im Vorfeld deutlich gemacht. Trotzdem haben wir die 33 Tage auf See gut überstanden und uns immer irgendwie unterhalten. Vor allem nach der Abfahrt in Hamburg waren wir sehr lange auf See, erst in Vitoria, Brasilien, liefen wir wieder einen Hafen an. Dafür sind wir zwischen den Inseln von Cap Verde durchgefahren und hatten sehr gute Landsicht. Entlang der Küste kreuzten wir viele Schiffe, aber auf dem Atlantik kein einziges, obwohl die Seestrassen relativ klar vorgegeben sind.

Ein sehr eindrückliches Erlebnis war die Einfahrt bei Nacht in Hamburg, ganz nahe an der Elbharmonie vorbei und mitten ins Lichtermeer. Zum gleichen Zeitpunkt war das berühmte Passagierschiff MS Queen Mary in Hamburg und ist zur gleichen Zeit gerade an uns vorbei ausgelaufen. Wir konnten das Schiff auf Augenhöhe begutachten.

Ganz zu Beginn der Reise mussten wir eine Rettungsbootübung mitmachen, dabei wurde uns die Funktion und die Handhabung des Rettungsbootes genau erklärt. Spannend war, dass das kleine Boot immer mit Speis und Trank ausgerüstet ist und die Insassen einigermassen lange darin überleben können.

Die Besichtigung des Maschinenraums war natürlich sehr eindrücklich. Wann sieht man je wieder einen so grossen Motor und erst noch am Laufen, stolz waren wir natürlich, dass es sich dabei um einen Schweizer Motor handelte. Der Chief Engineer erklärte alle unsere Laienfragen professionell. Stolz war er auf seine Wasserentsalzungsanlage, die im Vakuum funktioniert. Jetzt wissen wir auch, weshalb das Wasser immer warm und nie kalt ist.

Da sich alle Passagiere für längere Zeit in Südamerika aufhalten wollten, haben wir alle wie verrückt Spanisch gelernt. Mindestens hat uns das einen Teil unseres Tages stark beschäftigt. Jeden Tag haben wir uns ein kleines Tischtennisturnier gegönnt. So gesehen könnte man sagen, eine Frachterreise ist gut für die Spanischkenntnisse und macht aus PingPong-Spielern echte Tischtennisprofis. Glücklicherweise waren wir nicht die einzigen, die ihre Videos dabeihatten, so dass wir uns fast jeden Abend gegenseitig Videos vorführen konnten.

Der Besuch auf der Brücke war uns fast immer erlaubt und auch sehr aufschlussreich. Bei schwierigen Manövern mussten wir natürlich die Brücke verlassen.  Der Chief, erster Offizier, erlaubte uns immer in den Häfen unsere Fahrzeuge zu bewachen. Leider war das häufig auch in der Nacht und dauerte manchmal bis zu zwanzig Stunden. Nach unseren Erfahrungen glauben wir, dass wir durchaus einige bösen Buben fernhalten konnten.

In Rio de Janeiro organisierte der Kapitän einen Freund, der einige von uns durch die Stadt chauffierte. Gabi nahm an dieser Tour teil. Leider war das Wetter etwas regnerisch und der Driver nicht so geübt.

Der Kapitän hat einmal ein Basketballspiel organisiert an dem auch die Passagiere teilnehmen konnten. Der Messman war natürlich der Star, da er ein Sport-Stipendium für Basketball in seiner Heimat erhalten hat. An zwei Samstagen hat der Kapitän ein Spanferkelessen organisiert und danach Karaoke für die Crew. Wir haben beim ersten Mal ebenfalls an dem Karaoke teilgenommen, natürlich nur passiv. Das zweite Mal haben wir das ausgelassen, da die Trefferquote der richtigen Töne immer schlechter wurde, je länger der Abend andauerte und die Lautstärke meinen ohnehin geschädigten Ohren nicht wirklich guttat.

Was wir sehr vermisst haben, ist die Äquatortaufe. Alle Passagiere und auch einige Crewmitglieder hätten eigentlich getauft werden müssen. Leider scheint diese Tradition in der heutigen Zeit verloren gegangen zu sein.

Die Grande Brasile

Relativ zu unserem Globi hat die Grande Brasile gewaltige Ausmasse. Bruttoregistertonnen: 56’660, Zuladung: 26’169 t, Gesamtlänge x Grösste Breite: 213.88m × 32.25m, Motor: 15’540 KW (21’128 PS). Bei zügiger Fahrt verbrennt sie doch immerhin bis 50 Tonnen Schweröl pro Tag. Das Schweröl ist so zähflüssig, dass es zuerst erhitzt werden muss, bevor es in die sieben Zylinder eingespritzt werden kann.

Neben Containern, die vorne auf dem Deck acht und auf den unteren Decks gelagert werden, ist das Schiff hauptsächlich für RoRo, also Fahrzeuge gebaut. In einigen Häfen werden bis zu 1’500 Fahrzeuge ein- und ausgeladen. Das Ent- und Beladen wird immer von einer Hafenorganisation getätigt, die Schiffscrew überwacht nur. Alles wird von Neapel, dem Hauptsitz von Grimaldi, gesteuert und bestimmt. Der Chief erhält die letzten Angaben kurz vor Einlaufen in den Hafen. Neapel bestimmt auch, ob der Kapitän vor Anker geht oder direkt in den Hafen fährt.

Die vielen Mitarbeiter der Beladeorganisation in den Häfen sind auch die Leute, die unseren Fahrzeugen potentiell am gefährlichsten werden. Bei der Crew haben wir uns immer sehr sicher gefühlt und würden denen keine Beschädigung zutrauen. Schon in Antwerpen konnten wir das erste Missgeschick beobachten. Ein fabrikneuer Scania wurde rückwärts aufs Schiff gefahren. Da der Rückwärtsgang offensichtlich zu langsam war, wurde zusätzlich noch ein grosser Jeep als Stossfahrzeug eingesetzt. Der Driver fuhr also mit annähernd Lichtgeschwindigkeit rückwärts die Rampe hoch. Er traf den riesigen Schlund ungefähr. Die Beifahrerseite des Scania braucht nicht nur einen neuen Spiegel, sondern auch eine neue Tür und ein neues Dach und vermutlich sonst noch ein paar Kleinigkeiten. Wir war jedenfalls glücklich, konnten wir Globi selbst und ohne Stossfahrzeug an Bord fahren. Ein anderes fabrikneues Mercedes Zugfahrzeug ist unbeschadet am Zielhafen angekommen. Natürlich hatte es keinen Druck mehr nach der Zeit auf dem Schiff. Der Driver ist eingestiegen, hat gestartet und den kalten Motor ein paar Minuten auf den höchsten Drehzahlen laufen lassen. Jetzt hat er Druck und vielleicht sonst noch etwas, das sein neuer Besitzer dann schon noch merken wird. Natürlich ist die Arbeit als Driver nicht einfach, sie müssen neue, riesige und ihnen unbekannte Bau- und Landwirtschaftsmaschinen bewegen können. Neben Globi stand so eine Maschine, sie wollte einfach nicht starten. Der erste Mechaniker, der gerufen wurde, fand keinen verborgenen Schalter und der zweite zerlegte den ganzen Motor, spritzte Diesel direkt in die Zylinder. Die Maschine lief. Als der Driver wieder auf dem Cockpit war, stellte der Motor erneut ab, der Tank war leer. Die ganze Prozedur von neuem. Nach etwas über zwei Stunden war die Maschine ausgeladen.

Mitten auf dem Atlantik haben wir Insekten an Bord beobachtet. Vermutlich haben wir die aus Afrika mitgenommen, wie können sich diese Tiere wohl ernähren? Sie lebten in Brasilien immer noch und haben sich vermutlich mit Südamerikanern gekreuzt und eine neue Art gegründet. Vögel haben uns aus Brasilien besucht, sobald wir etwa 100km von der Küste entfernt waren, davor hatte es keine.

Was eher enttäuschend war, war der allgegenwärtige Schmutz. Unser Kühlschrank war zum Beispiel vom Vor- oder Vorvormieter noch voll ausgelaufener Milch und roch auch entsprechend. Unsere Kabine sollte täglich mit den Kabinen der ersten Offiziere gereinigt werden. Wir schafften es, einmal die Woche eine Reinigung zu bekommen. Wobei reinigen einfach einmal grob Boden aufnehmen bedeutete. Schlimm waren die Polstermöbel. Sie wurden vermutlich 1999 mit dem Bau des Schiffes gekauft und seither gebraucht und nie gereinigt oder ersetzt. Der Stoff war so speckig, dass wir uns lediglich auf unsere Tücher setzten. Nur durch harten Kampf erhielten wir einmal die Woche neue Bettwäsche. Dass es nicht für jeden Passagier genügend Kaffeetassen hatte, war ein weiteres, unangenehmes und lächerliches Detail. Die Offiziersmesse und die Aufenthaltsräume sind ebenfalls in einem grauenhaften Zustand, alles ist abgefuckt und verbraucht. Wir bezahlten für die Owners Cabin so viel wie für ein anständiges Mittelklassehotel. Was wir dafür erhielten ist eine Frechheit. Der Kapitän hat uns erzählt, dass das Schiff vermutlich 2020 ausgemustert wird, weil es dann die Vorschriften in Europa nicht mehr erfüllt.

Essen in der Offiziersmesse

Wir sind mit der romantischen Vorstellung an Bord gegangen, dass auf einem italienischen Schiff ein italienischer Koch kocht und italienisches Essen serviert wird. Kollegen haben uns auch davon vorgeschwärmt, allerdings liegt ihr Erlebnis schon ein paar Jahre zurück. In der Realität haben wir deutlich an Gewicht verloren, da das Essen, das uns aufgetischt wurde mit Sicherheit die am schlechtesten zubereiteten Nahrungsmittel waren, die wir je erhalten haben und wir haben im Laufe unseres Lebens doch auch schon an verschiedenen Orten gegessen. Der philippinische Koch hat mit so viel Langweile und Frust die Nahrungsmittel verdorben, dass häufig an Essen nicht zu denken war. Wenn das Essen auf 1800 festgelegt war, hat er um ca. 1600 fertiggekocht und alles kalt werden lassen, nicht dass sich noch jemand die Zunge hätte verbrennen können. In der Folge standen alle, die unbedingt eine Nahrungsaufnahme benötigten, am Mikrowellenofen Schlange. Es gab jeden Tag zwei Mal Fleisch und immer Kartoffeln, immer gleich zubereitet. Nach zwei Wochen rebellierten wir, weil immer verkochte Kartoffeln einfach unerträglich waren. Der Kapitän erklärte uns, dass er pro Passagier und Tag € 5.70 zur Verfügung hätte. Wir fragten uns, was wohl mit dem ganzen Geld, das wir bezahlt hatten, gekauft wurde. Was die Essmanieren der Offiziere betraf, wäre da auch einiges an Erziehung angebracht. Romantiker haben es nicht einfach, wenn sie auf die Realität treffen. An Fronleichnam gab es Kuchen als Dessert, der war wirklich lecker.

Besatzung

Die gesamte Besatzung ist nicht von Grimaldi angestellt. Sie sind alle bei einer spezialisierten Jobvermittlungsagentur unter Vertrag. Grimaldi engagiert die gesamte Crew von dieser Agentur. Da sie alle von derselben Agentur kommen und immer wieder abgerufen werden, sind sie wie feste Freelancer und kennen sich und das Schiff sehr gut. Früher lief die Grande Brasile unter schwedischer Flagge und alle erhielten etwa doppelt so viel Salär wie heute.

Die Crew bis und mit den dritten Offizieren bestanden ausschliesslich aus Philippinos. Sie fahren die ganze Runde Hamburg – Hamburg je nach Rang drei oder vier Mal, sind also bis acht Monate immer auf dem Schiff! Alle Philippinos machten uns gegenüber einen zuvorkommenden, sympathischen und hilfsbereiten Job.

Die zweiten Offiziere waren Kroaten und Bulgaren. Sie müssen zwei Runden fahren und erklärten uns ihr Fachgebiet, wenn immer wir Fragen hatten, mit Freude und Engagement.

Die ersten Offiziere waren Polen und Bulgaren. Beide halfen uns Passagieren bei allen möglichen Problemen, wenn sie Zeit hatten.

Der Kapitän war eher etwas speziell. Wenn er als Fachmann offensichtlich top war, war er menschlich ziemlich das Gegenteil. Besonders infantil war seine Machtdemonstration in Paranagua. Er liess um 0030 alle Passagiere wecken und sie von der örtlichen Zollverwaltung abholen. Zuerst wurden wir mit dem Arbeiterbus zur Hafeneinfahrt gefahren und dann mit einem Kleinbus zur Zollverwaltung. Hier trug ein Beamter sämtlich Daten unserer Pässe, die der Passagiere und der Besatzung, in seinen Computer ein. Niemand wusste genau, was sie mit uns anstellen sollten. Wir wurden dann wieder mit den Pässen zurück zum Schiff gefahren. Der Kapitän war dann nicht verfügbar, da er die einschlägigen Lokale der Stadt besuchte. Wir haben die eineinhalbstündige Übung mit Gelassenheit über uns ergehen lassen.

Der Kapitän ist vermutlich ein exzellenter Tischtennisspieler, denn auch in nicht mehr ganz nüchternem Zustand kann ihn niemand schlagen. Leider verlor er bei dem Match gegen einen Passagier den Boden unter den Füssen und zertrümmerte nicht nur seinen Schläger, sondern auch den ganzen Tisch.

Ankunft in Montevideo

Wir sehnten uns alle nach dem Moment, an dem wir das Schiff endlich verlassen konnten. Neapel liess uns dann noch eine Nacht vor Montevideo ankern. Als wir angelegt hatten, ging jedoch alles schnell. Der Chief ermöglichte es uns, dass wir noch im Schiff übernachten konnten und auch unsere Fahrzeuge erst in den Morgenstunden ausladen mussten. Dank ihm konnten wir eine ungemütliche Nacht im Hafengelände vermeiden. Die lokale Agentur von Grimaldi hat dann alles sehr effizient und sympathisch erledigt und wir waren endlich wieder frei und fuhren unseres Weges.

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